Bücherauswahl 2.0 – KI statt Rezensionen

KI Bücher

Ist es möglich, dass schon bald Algorithmen entscheiden, welche Bücher gekauft werden?

Die Tage der Lektoren und der renommierten Literaturkritiker scheinen gezählt zu sein – eine Lektoratsoftware, die auf dem Konzept der künstlichen Intelligenz basiert, trifft mittlerweile zahlreiche Entscheidungen im Literaturbetrieb. Denn das Lesen und Bewerten von Manuskripten wird schon heute oftmals von dieser übernommen, wie die „Welt“ berichtet.

„Längst ist der 20. Juli zum symbolischen Ort für die Gesamtheit des deutschen Widerstands gegen Hitler geworden.“ Dieses Zitat stammt aus einem Artikel der FAZ, den der berühmte Biograf Stauffenbergs Thomas Karlauf verfasste. Doch die Hintergründe des Zitats reichen noch weiter zurück: Zum ersten Mal wurde es verwendet, als der besagte Biograf eine Rede in der Frankfurter Paulskirche zum 75. Jahrestag des Stauffenberg-Attentats auf Hitler hielt. Dort führte er weiter aus, dass das deutsche Volk durchaus Zeit benötigt habe, dieses Ereignis im kollektiven Bewusstsein zu verankern: Denn laut ihm hielt gerade dieser eine Tag der deutschen Nation einen sprichwörtlichen Spiegel vor – Denn der Opportunismus, den die meisten zwölf Jahre lang an den Tag gelegt hatten, wäre im Grunde genommen nicht notwendig gewesen. Ganz im Gegenteil – Widerstand lag durchaus im Rahmen des Möglichen.

Doch die Deutschen hätten das Nachvollziehen der Motive für das geschichtsträchtige Attentat vom 20. Juni auf ihrem Weg zur Demokratie verloren. Anstatt einen „Aufstand des Gewissens“ zu organisieren, was von vielen heute in diesem Zusammenhang angenommen wird, hätten die Verschwörer des Hitler-Attentats viel rationaler gehandelt und ihren persönlichen Antrieb in der Sorge um die Zukunft des Landes gefunden: Denn sie fragten sich laut Autor, wie es denn nun möglich wäre, die Situation, in der ein Endsieg in weite Ferne gerückt war, ohne allzugroße Verluste wieder herauszukommen.

Graphic Novel „20. Juli 1944“

Jan Jekal beziffert in der TAZ „die didaktische Intention …(als)… das Problem seines Buchs“, in Bezug auf Niels Schröders Graphic Novel „20. Juli 1944“. Denn wenn man auch bei dem Herunterbeten der historischen Daten gerade noch durchhalten kann, obgleich sich diese allzuoft an den Ton alter Schulbücher anlehnen, wird spätestens beim konkreten Beziffern jeder einzelnen Intention die Geduld des Lesers samt seinem Wohlwollen überspannt, führt der Kritiker in seiner alles andere als wohlwollenden Rezension aus und unterstreicht seinen harschen Angriff sogleich mit einem konkreten Beispiel aus dem Buch, das jeglichen literarischen Wertes entbehrt.

KI als Lektor

Hat der Lekor beim Durchsehen dieser Graphic Novel etwa einen schlechten Tag gehabt? Natürlich kann das schon einmal passieren, denn Irren ist menschlich, wie es so schön heißt. Und kann man solche Fehlpublikationen durch den Einsatz schlauer Algorithmen vermeiden? Marc Reichwein zeigte es in der „Welt“ bereits vor: Ja, es ist bereits möglich – LiSA heißt die Software, die in der Lage ist, Manuskripte schnell und effektiv zu analysieren und einen potentiellen Bestseller auf Anhieb zu erkennen.

Das Problem bei der Sichtung der unzähligen Manuskripte, die sich auf den Schreibtischen der Verlage stapeln ist ein altes: Personalmangel ist der Grund, weshalb oftmals nur halbherzig über die Einsendungen junger Autoren geschaut wird. In Anbetracht dessen erscheint es natürlich mehr als nur attraktiv, diese lästige Tätigkeit an eine kluge Software zu delegieren. Wie die Entwicklerin derselben bestätigt, sind es bereits neun Verlage – auch Publikumsverlage sind unter diesen vertreten -, in denen die menschlichen Lektoren von der künstlichen Intelligenz unterstützt werden. Diese wollen sich jedoch naturgemäß nicht zu der Innovation in ihrem Verlagshaus äußern. Vielleicht auch aus dem Grund des Personalmangels, denn wenn Lektoren so einfach ersetzt werden können, wer folgt dann als nächster?!

Fitzek oder Fontane: KI hat die Antwort

Reichwein unterstreicht seinen Artikel auch mit einem konkreten Beispiel, in dem zwei Werke miteinander verglichen werden und das Ergebnis viele wahrscheinlich überraschen wird:
Denn beim Vergleich zwischen den Werken von Theodor Fontane und Sebastian Fitzek, kommt das Computerprogramm zum Ergebnis, wonach „Effi Briest“ weniger lesenswert sei als „Passagier 23“. Denn letzteres hätte mehr Drama, mehr Spannung und mehr Aufregung zu bieten – alles in allem ein Garant für einen erfolgreichen Besteseller. In Zahlen ausgedrückt: 93% Bestsellerwahrscheinlichkeit für Fitzek und gerade einmal 51% für den Schulklassiker Fontanes.

Auch ein Interview mit einem Kleinverlag, der die künstliche Intelligenz im Lektorat einsetzt, ergänzt den gut recherchierten Artikel: „Für ihn funktioniert das Ganze wie beim Kreditrating durch Banken.“
Natürlich gibt es nicht nur positive Stimmen. So äußert sich Andrian Kreye von der „Süddeutschen Zeitung“ eher nachdenklich und vergleicht die Lektoratssoftware mit dem US-amerikanischen Kreditwesen. Denn dieses bezieht Kleinigkeiten, wie etwa das Interesse für E-Gitarren mit ein, um eine Person als nicht kreditwürdig einzustufen.

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